Die 16 Moriskentänzer und wer war eigentlich Elisabeth Wellano?
Ab und an lohnt sich ein genauer Blick in das Programm der Münchner VHS; dort angeboten wurde eine kostenlose Führung im Münchner Stadtarchiv. Wie oft ich an dem Archiv schon vorbeigegangen bin in den letzten elf Jahren? Ich habe keine Ahnung … unzählige Male … jetzt war ich endlich drin. Und es war so interessant.

Das inzwischen denkmalgeschützte Gebäude in der Winzererstraße 68, welchem 1989 ein Magazinbau auf Seite der Schleißheimer Straße angegliedert wurde, wurde im Jahre 1914 fertiggestellt und diente ursprünglich als städtische Wehramt. Zu Beginn des ersten Weltkrieges konnte man sich hier zum Militär melden und viele junge Münchner sind durch eben diese Türe in das Wehramt, welches heute Schätze der Stadt in Form von historischen bis aktuellen Dokumenten birgt.
Der Magazinbau wurde 1989 nach Plänen des Architekten Hans-Busso von Busse erbaut. Dieser Herr von Busse wurde dann auch beauftragt, den damals neuen Münchner Flughafen zu gestalten.
Den Eingangsbereich, welcher an ein Theater erinnert, ziert an der Decke ein wunderschönes bayrisches Wappen. Die erste Treppe zum Aufgang ins Gebäude wird eingerahmt von jeweils einer griechisch anmutenden Statue. Links ein Jüngling, aus dem Land entsprungen – rechts der zum Mann gewordene Kriegsheld mit Schwert.

Das Stadtarchiv sieht sich in der Aufgabe, die Geschichte der Stadt aus Bürgersicht und Sicht der Stadt zu bewahren. Es ist nicht nur wichtig zu wissen, was die Stadt entschieden hat – sondern auch, wie sich solche Entscheidungen auf das Leben der Bürger ausgewirkt haben.
Jeder hat das Recht, diese Dokumente einzusehen oder eine schriftliche Anfrage zu stellen. Es muss kein besonderer Grund vorliegen, nur muss das Anliegen genau formuliert werden, um die richtige Akte finden zu können.
Am meisten gefragt sind die Unterlagen zur eigenen Ahnenforschung oder auch einfach aus Interesse heraus, es muss keine direkte verwandtschaftliche Verbindung bestehen. So kann man z.B. Geburtsurkunden einsehen, die über 110 Jahre alt sind (erst nach diesem Zeitraum werden solche Unterlagen dem Stadtarchiv übergeben). So auch die Geburtsurkunde von oben genannter Elisabeth Wellano – besser bekannt als Liesl Karlstadt – welche zusammen mit Karl Valentin als berühmtestes Kabarett-Duo ihrer Zeit nicht nur in die Münchner Geschichte eingegangen ist.

Manchmal lässt sich auch einzig und allein aus Rechnungen der Kämmerei Geschichtliches ableiten. So z.B. im Fall der 16 berühmten Münchner Moriskentänzer, die für den Tanzsaal des alten Münchner Rathauses in Auftrag gegeben wurden. Der einzige Nachweis, dass diese wunderschönen Holzfiguren tatsächlich von Erasmus Grasser stammen, ist eine Rechnung über seine Arbeiten von 1480.


Auch über einen dunklen Teil der Münchner Geschichte, die Hexenverfolgung im Mittelalter, gibt es keine wirklichen Aufzeichnungen. Allerdings konnte man über Rechnungen nachvollziehen, was hier in der Stadt damals vor sich ging. Scheiterhaufen, Henker usw. mussten auch bezahlt werden.
Und ein Steuereintreiber aus dem Jahre 1377 war wohl passionierter Zeichner – insbesondere von Fabelwesen, welche immer wieder zwischen den Auflistungen der eingetriebenen Steuern zu finden sind:



Zum Glück war also vor 500 Jahren war das Papier noch von wesentlich besserer Qualität, als heutzutage, sonst hätte man zu solchen Ereignissen gar keine Nachweise. Was ich z.B. nicht wusste, neuzeitliches Papier hat einen hohen Säuregehalt, welcher das Papier relativ schnell zerfrisst. Das handgegerbte Papier aus dem 13. Jahrhundert dagegen ist in einem top-Zustand. Der nette Archivar meinte so schön, um das alte Papier hier müssen Sie sich keine Sorgen machen, um Dokumente aus den 1990er Jahren viel mehr. Die sind teilweise jetzt schon nicht mehr zu lesen.
Im Jahre 1808 gab es eine königliche Anordnung zur Änderung des Münchner Stadtwappens, welches bis dato immer vom berühmten „Münchner Kindl“ geprägt war. Fortan (bis 1818) zierte das Wappen nun ein Löwe umrahmt von einem Torbogen mit Schwert und Schild. Das Schild war versehen mit dem Monogramm „M“ für König Max den Ersten. Der Urheber von eben diesem Erlass.





Und wie schützt/rettet man nun solche Dokumente vor Feuer oder Wasserschaden? Oder auch den papierfressenden Silberfischen? Eigentlich nur mit einer Drei-Sterne Kennzeichnung, guter Verpackung und Klebestreifen an den Türen der einzelnen Archive. In einem Brandfall werden alle Dokumente mit drei Sternen zuerst in Sicherheit gebracht (dies sind z. B. Entscheidungen des Stadtrats, Bürgermeisters etc.). Danach folgen die Dokumente mit zwei Sternen, sofern hier noch Zeit dafür sein sollte. Alle Dokumente, die bereits digitalisiert wurden, auch wenn Sie noch so historisch wertvoll wären, würde man liegen lassen.
Bei den Massen an Akten und Dokumenten auch sicherlich verständlich. Nach aktuellem Stand hätte man sonst ca. 15 km an Akten aus dem Gebäude zu schaffen:







