Turin – Die Perle des Piemont

Drei Haselnüsse und einen Espresso für den Pharao.

Wenn man nach Infos zu Turin sucht, wird man so gut wie in jedem Artikel lesen, dass die Hauptstadt der italienischen Region Piemont die meist unterschätzteste Stadt des ganzen Landes ist. Ich habe in Turin eine Woche verbracht und mir war keinen Tag langweilig, ganz im Gegenteil.

Warum wird die Stadt so gern übersehen bzw. so sehr unterschätzt? Zum einen denke ich, dass viele Turin als eine Industriestadt sehen, die mit Juventus Turin zufällig einen sehr erfolgreichen Fußballverein hat. Zum anderen, von München aus würde ich fast behaupten, es ist die Lage. Wir lassen die Stadt schlichtweg „links liegen“ (bzw. in dem Fall eher rechts). Wer von uns aus mit dem Auto nach Italien fährt, nimmt entweder den Brenner oder die Tauernautobahn, bis nach Mailand schaffen wir es dann ggf. noch abzubiegen, aber darüber hinaus eher nicht. Von Mailand nach Turin sind es immerhin noch zwei Stunden zu fahren. Der direkte Weg in die Stadt führt durch die Schweiz.

Und dann ist Turin auch irgendwie schon fast in Frankreich; zur Staatsgrenze sind es ca. 70 Kilometer. Wenn die Einheimischen hier in ihrem Dialekt sprechen klingt das Italienisch fast Französisch. Die Grenze Italien/Frankreich hat sich über die Jahrhunderte auch immer mal gerne verschoben. Napoleon hatte in seiner Sturm und Drang Zeit die Region Piemont besetzt und die bis dato regierenden Savoyer zurück nach Sardinien geschickt. 1815 war das große Comeback des Königreichs Sardinien-Piemont und Turin wieder die Stadt der Savoyen. Nur 46 Jahre später wurde Italien vereinigtes Königreich und die erste Hauptstadt des Landes war: Turin! Rom wurde erst 1871 zur Hauptstadt ernannt, dazwischen saß die Regierung sogar noch kurzfristig in Florenz.

Mir wurde gesagt, die beste Zeit um in Turin zu leben, war zwischen 1850 und 1900. Das kann man sich wirklich gut vorstellen. Der wirtschaftliche Aufschwung damals war fulminant und so wurde Turin zu einer Millionenstadt. Es war die Gründerzeit für heute weltweit bekannte Firmen, wie z.B. Lavazza, Martini und Fiat. Und die wunderschönen Kaffeehäuser aus dieser Zeit, die es bis heute noch gibt! 1861 wurde mit dem Bau des Bahnhofs Porta Nuova begonnen, dem bis heute Drittgrößten des ganzen Landes neben Mailand und Rom.

An der Porta Nuova wurde der Legende nach der Espresso erfunden. Es sollte einen Kaffee geben, der schneller zubereitet wird, als der Express in die Stadt einfährt. Das erste Patent auf eine Espressomaschine hat sich der Turiner Angelo Moriondo eintragen lassen.

Als dann allerdings Fiat und andere Firmen ihre Produktionen ins günstigere Ausland verlagerten, ist die Einwohnerzahl geschrumpft. Heute hat die Stadt ca. 850.000 Einwohner. Mit diesem Rückgang haben die Turiner bis heute zu kämpfen, da sie damit aus ihrer Sicht an Wichtigkeit für Italien verloren haben.

Und wenn wir schon bei Fiat sind, der Fabbrica Italiana Automobili Torino: Der italienische Autohersteller, der Mitte der 1960er Jahre Marktführer in Europa war, wurde hier 1899 gegründet. Wie es sich für eine Autostadt so gehört, gibt es auch ein ziemlich großes Automuseum, das Museo Nazionale dell’Automobile. Über mehrere Stockwerke findet sich dort alles – von Pferdekutsche bis hin zum Elektromobil. Ausgestellt ist auch ein Lancia, in welchem Queen Elizabeth durch Rom zum Palazzo del Quirinale chauffiert wurde und ebenso der kleine Fiat 500 D, mit dem der ehemalige italienische Präsident Sandro Pertini durch die Straßen Roms gefahren ist.

Lavazza! 1895 wurde die Firma in Turin von Luigi Lavazza gegründet und hat sich seitdem zum größten Kaffeeproduzenten Italiens entwickelt. Seit 2018 kann man ein Museum neben dem Firmensitz besuchen.

Das wirklich sehr toll interaktiv gestaltete Museum erzählt die Geschichte von Lavazza selbst, lehrt aber auch z.B. einiges über den Anbau von Kaffeebohnen und welche Arten von Bohnen es überhaupt gibt. Zu Beginn des Besuchs bekommt man eine Espressotasse, mit der kann man ausgewählte Stationen aktivieren, Spiele spielen oder sich z.B. über die Stufen der Kaffeeröstungen informieren. Ich mochte das Museum wirklich sehr.

An einheimischen Getränken mangelt es der Stadt aber allgemein nicht. Da hätten wir den Wermut von Antonio Benedetto Carpano. 1786 hatte der gelernte Kräuterkundige sein Getränk endlich soweit verfeinert, dass er es voller Überzeugung dem König kredenzte und damit direkt zum Haus- und Hoflieferanten wurde. Deshalb ist in Turin der traditionelle Aperitif auch mit Wermut, gern von Martini, gemixt und nicht mit dem in der Region Venezien beheimateten Aperol (den es dort zu meinem Glück aber natürlich auch gibt). Die Firma Martini wurde übrigens 1863 in Turin gegründet.

Und dann kommen u.a. noch zwei der besten und teuersten Weine aus dem Piemont: Barolo und Barbera. Zwei von vier Weinen, die ich bei einer wirklich interessanten Weinverkostung bei Cultura Liquida testen durfte.

Eine eigene berühmte Kaffeekreation hat die Stadt auch, den Bicerin. Ursprüngliche erfunden im Caffè Al Bicerin, gibt es ihn heute in allen Kaffeehäusern. Bicerin besteht aus Espresso, Kakao und Milchschaum und man darf ihn nicht umrühren! Ganz wichtig.

Im wunderschönen Kaffeehaus Baratti & Milano von 1875 gibt es den hauseigenen Caffé Bratti & Milano. Ich glaube, man versteht die Zutaten auch auf italienisch: Caffé con Crema di Nocciole, Panna, Granella di Nocciole e Gocce di Cioccolato.

Die süßen Thema sind hier einfach: Haselnüsse und Schokolade. Aus der Region Piemont kommen die weltbesten Haselnüsse. Die Firma Ferrero wurde 1946 in Alba, ca. 50 km entfernt von Turin, gegründet. Das Herz der Turiner schlägt allerdings weniger für Nutella, dafür um so mehr für Gianduiotto, eine Nougatpraline, die wirklich im Mund zergeht. Ein Gianduiotto mindestens zu probieren, wenn nicht sogar mehrere davon zu kaufen, ist ein Muss und die besten davon gibt es (angeblich) bei Guido Gobino.

In der Woche meines Aufenthalts war dann auch noch die Dolci Portici mit der Expo Arigiani und da sah die Via Roma in Turin so aus:

Die Via Roma mit dem Schokofest führt auch direkt zum zentralen Platz der Stadt, die bis heute unfertige Piazza San Carlo, von den Einheimischen sehr gern das Wohnzimmer genannt, einfach weil sich dort das Leben abspielt, seinen es nun z.B. Konzerte oder Kundgebungen. Und unfertig deswegen, weil der Platz symmetrisch sein sollte, nur ging dann am Ende das Geld aus, um die Kirchen in der gewollten Symmetrie zu erbauen. Und besonders an dem Platz werden die französischen Einflüsse sichtbar. Diese Symmetrie in repräsentativen Bauten und Plätzen ist besonders typisch für Frankreich.

Unter den Arkaden am Platz sind neben teuren Geschäften das Café Turin und das Feinkostgeschäft Biraghi zu finden. Bei letzterem stehen die Leute besonders gern vor einem kleinen Fenster die Schlange. Man kann dort Milchspeiseeis kaufen, welches stündlich ganz frisch zubereitet wird.

Zu Boden des Cafe Turin sei noch der Torino erwähnt, der kleine Stier, der dort eingelassen wurde. Der Torino ist, wie z.B. die Julia in Verona oder die Löwen in München, ein Glücksbringer. Während man Julia begrabscht und den Löwen die Pfoten tätschelt, steigt man dem Stier auf seine Testikel und zwar ganz fest. Manche hüpfen auch drauf, bekräftigt das Glück.

Zufällig entdeckt unter den Arkaden an der Piazza San Carlo habe ich einen Ableger der Gallerie d’Italia. Hier hatte in den Tagen eine Fotoausstellung der mexikanischen Fotografin Cristina Mittermeier in Zusammenarbeit mit National Geographic eröffnet.

Es werden sehr beeindruckende Aufnahmen von Mensch und Natur gezeigt. Wer also in den kommenden sechs Monaten (bis 01. September 2024) die Stadt besucht, der sollte dort unbedingt reingehen. Besonders schön fand ich, dass die Bilder oft wie in 3D wirken und man sie wirklich von allen Seiten und Ecken so wunderbar betrachten kann. Es gibt auch einen, wie es neuerdings immer so schön heißt, immersiven Raum mit Videoaufnahmen.

Apropos Arkaden, man kann sich durch 18 Kilometer Arkaden bewegen, ohne nass zu werden, sollte es einmal Regnen. An heißen Sommertagen bieten diese teils wunderschönen Arkaden ausreichend Schatten und man kann von Cafè zu Cafè schlendern, shoppen und die Zeit genießen. Turin bietet bei Sonnenschein aber auch ausreichend Grünflächen zum Verweilen, sie ist nämlich die grünste Stadt Italiens.

Wie ihr euch jetzt sicherlich nach dem ganzen Essen und Trinken denken könnt: Turin wurde bereits im 19. Jahrhundert als Hauptstadt des Genusses bezeichnet und gilt bis heute als die Genusshauptstadt Europas.

Die auch bei uns sehr beliebten Grissini sind übrigens ebenfalls in der Stadt beheimatet. Mitte des 17. Jahrhunderts war ein Prinz der Savoyer von Magen/Darmproblemen geplagt. Da ihm Brot nicht bekömmlich war, hat ein findiger Hofbäcker die trockenen Grissini gebacken, die man bis heute hier überall in den Bäckereien frisch kaufen kann.

Turin ist wortwörtlich auf den Ruinen der antiken Römerstadt Augusta Taurinorum gebaut. Ein Teil der Ruinen sind in der ehemaligen Stadtresidenz der Könige und Herzöge von Savoyen, dem Palazzo Madama, zu sehen. So geht man im ersten Raum z.B. über einen verglasten Boden, durch den man die Überreste sehen kann.

Der Palazzo beherbergt ganz viele alte Dinge, ich bin ja nicht so Fan, am interessantesten fand ich das Untergeschoss und das oberste Stockwerk. Ganz unten gelangt man in einen Garten, der dort seit über 600 Jahren existiert. Im März kam der Garten leider erst aus seinem Winterschlaf und fleißige ältere Damen haben dort umgegraben; wenn der Frühling kommt, wird es dort sicherlich sehr schön blühen.

Das Beste am Palazzo ist allerdings diese Aussicht vom obersten Stockwerk:

Beim Blick vom Palazzo Madama sieht man auch direkt den Palazzo Reale di Torino, den Königspalast. Erbauen ließ den Königspalast Christina von Frankreich Mitte des 17. Jahrhunderts und er ist sicherlich einer der beeindruckendsten Stadtpaläste die es gibt. Seit 1997 ist der Palazzo zudem UNESCO Weltkulturerbe. Am Zaun des Palastes findet man in regelmäßigen Abständen das Konterfei von Medusa, die den Palast vor allem Bösen schützen soll.

Eine der wichtigsten, wenn nicht sogar die wichtigste Reliquie der katholischen Kirche wird in der barocken Kapelle des Turiner Doms aufbewahrt. Das Turiner Grabtuch kam durch die Savoyer 1578 in die Stadt. Das originale Grabtuch wird heutzutage nach Belieben alle paar Jahre der gemeinen Bevölkerung gezeigt; eine ganze Weile gab es nur alle 20 Jahre einen Blick auf das Tuch. Nachgefragt gibt es keinen wirklichen Grund, warum es nicht dauerhaft ausgestellt wird. In einem kleinen und sehr spartanischen Seitenraum der Kapelle kann man ein Replikat des Tuches besichtigen.

Wenn man über den Platz vom königlichen Palast durch das Tor auf der linken Seite geht, so kommt man an der Piazza San Giovanni heraus, hier blickt man auf den Dom Cattedrale di San Giovanni Battista und seinen Glockenturm Torre Campanaria. Zudem finden sich neben dem Königspalast weitere römische Überreste.

Unweit entfernt sieht man schon das antike römische Stadttor Porta Palantia und Teile einer römischen Straße. Betrachtet man einen unspektakulären Haufen Steine vor dem Tor genauer, so sieht man Fingerabdrücke in den Steinen. Und das sind die Fingerabdrücke von Römern bzw. wahrscheinlich eher deren Sklaven, die das Stadttor damals errichtet haben. Um die Steine besser greifen zu können, hat man, bevor der Stein gehärtet war, Finger in den Stein gedrückt.

Nun spielen aber nicht nur die alten Römer eine wichtige Rolle in der Stadt, sondern auch die alten Ägypter. Unerwarteterweise beherbergt Turin das weltweit wichtigste und älteste ägyptische Museum außerhalb von Kairo. Das Museo Egizio ist wirklich groß. Es wurde 1824 eröffnet und feiert in diesem Jahr sein 200jähriges bestehen. Das Museum im Kairo dagegen wurde erst 1902 eröffnet!

Neben einem ganzen Tempel, Il tempio di Ellesia, gibt unzählige kleine Artefakte aus Gräbern, eine Vielzahl an unfassbar eindrucksvollen Sarkophagen, Statuen, Mumien, alten Stoffen und dazu sagt eine Randnotiz an einem ägyptischen Kleidungsstück, dass es hier weltweit nur eine kleine Sammlung davon gibt – hey, wir aber haben etwa ein ganzes Dutzend davon.

Wenn man im Zwischenstockwerk zum interaktiven Teil des Museums (hier kann man seinen Namen als Hieroglyphen generieren lassen und via QR Code aufs Handy schicken lassen) aus dem Fenster blickt, so sieht man die Piazza Carignano mit dem gleichnamigen Palazzo, der rechterhand liegt. Links erblickt man die Stühle, die zur Gelateria Pepino gehören – den Erfindern von Eis am Stiel.

Meine Leidenschaft für Film stillt diese wunderbar überraschende Stadt auch noch. Die erste Kinoaufführung in Italien fand, wie kann es anders sein, in Turin statt, hier ist auch die Heimat der ersten Filmproduktionsfirmen Italiens. Das Wahrzeichen der Stadt, die Mole Antonelliana, beherbergt sicherlich auch wegen dieser Tatsache das wirklich sehr toll gestaltete Museo Nazionale del Cinema; das Museum zählt zu den wichtigsten seiner Art weltweit. Ich hatte das Glück, dort die Sonderausstellung Il Mondo die Tim Burton besuchen zu können.

Die Mole Antonelliana ist das prägnante Bauwerk in der Skyline von Turin. Das Gebäude wurde 1889 fertiggestellt und war damals das zweithöchste begehbare Gebäude weltweit mit 167,5 Metern. Achtet mal demnächst genauer auf 2 Cent Münzen in eurem Geldbeutel, auf den Italienischen ist die Mole Antonelliana geprägt. Mit einem für mich sehr außergewöhnlichen freischwebenden Aufzug geht es auf 80 Metern nach oben auf die Panoramaterrasse.

Von dort kann man den Blick über die Stadt bis hin zu den Bergen des Piemont genießen (wäre der Himmel klar gewesen). Da ich im März in der Stadt war, sieht alles noch etwas trist aus.

Über ein kleines Mysterium von Turin bin ich zufällig auf Google Maps gestolpert: The Devils EyesGli occhi del Diavolo. In einer Seitenstraße etwa mittig zum Piazza Solferino findet man auf dem Boden vor einem Fenster seltsam anmutende Schlitze, die auf Grund seiner Form dem Teufel zugeschrieben werden. Es ist nicht so ganz klar, was dahinter steckt, vermutlich waren es aber einmal Belüftungsschlitze für Kellerräume. Aber die Erklärung klingt viel zu langweilig.

Geht man weiter entlang der Piazza Solferino so kommt linker Hand das 1870 eröffnete Cafe Platti. Eine weitere Perle der Turiner Kaffeehäuser.

Und jetzt machen wir noch einen kleinen Ausflug in die Hügel von Turin auf den Monte dei Cappuccini. Von dort hat man nun den wohl besten Blick über die Hauptstadt des Piemont. Und dort befindet sich offensichtlich auch der richtige Platz, um jemanden Te amo zu sagen.

In der Nähe ist die Villa della Regina, die Villa der Königin, UNESCO Weltkulturerbe. In etwa 1635 wurde die Villa Eigentum der Regentin Christine Marie von Frankreich und war von da an eigentlich immer in den Händen der Frauen der Savoyen. Somit hatten die Königinnen dort immer ihren eigenen Palast.

Wie der Cappuccino zu seinem Namen kam. Jetzt schweife ich am Ende einmal komplett vom Thema ab, aber der Monte dei Cappuccini gibt hier eine gute Vorlage. Cappuccini. Cappuccino. Das beliebte (mein liebstes) kaffeehaltiges Getränk in Italien, welches kein Italiener je nach 12 Uhr trinken würde. Die Kapuziner Mönche mit ihrer Cappuccio, also ihrer Kapuze, sind die Namensgeber des heißen Getränks. Genaugenommen ist es die Farbe des Umhangs, wenn sich der Milchschaum mit dem Espresso vermischt, kommt die Farbe der Cappuccio heraus. Und der Espresso wurde, wie ihr euch sicherlich gemerkt habt, in Turin erfunden.

❤ ❤ ❤

Turin is a beautiful city. Its space goes beyond anything that has ever been imagined before.
Mark Twain

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