Ein Haus der leichten Muse

Von den Münchnern meist Gärtnerplatztheater genannt, heißt es doch richtigerweise Staatstheater am Gärtnerplatz und ist die zweite große Bühne der Stadt. Der Platz ist benannt nach Friedrich von Gärtner, neben Leo von Klenze der bedeutendste Architekt seiner Zeit in München. Erbaut wurde das Theater allerdings nach den Plänen des Architekten Franz Michael Reiffenstuel.
Seit 1899 wird das Haus offiziell als Operettentheater geführt, während im Nationaltheater am Max-Joseph-Platz überwiegend Opern gespielt werden. Ein Haus der leichten Muse sollte es von Anfang an sein. „Dem Volk zur Lust und zum Gedeihen“ war schon der Zimmermannsspruch zum Richtfest 1865.

Am 4. November 1865 wurde das Actien-Volkstheater eröffnet. Zum damaligen Programm gehörte auch ein Teil von Jacques Offenbachs Salon Pitzelberger – Namensgeber der heutigen Pianobar im Kellergewölbe des Theaters links vom Eingang.
Nach der Eröffnung fiel das Theater immer wieder in finanzielle Krisen und musste zeitweise mehrmals schließen – bis es am Ende über die Hintertür dem Hause Wittelsbach zufiel und sich durch königlich bayerisches Zutun von der Krise erholte. Es war immerhin auch König Ludwig II, der die Erlaubnis zum Bau des Theaters erteilte, als eine seiner ersten Amtshandlungen … was wäre Bayern wohl ohne die Hinterlassenschaften von unserem Kini? Um einige Schätze und Touristenattraktionen ärmer… aber das ist ein anderes Thema.


Über die Jahrzehnte standen und stehen bis heute große Namen auf dieser Bühne. Jonas Kaufmann sammelte hier seine ersten Bühnenerfahrungen im Extrachor des Theaters und war während seines Studiums zum Opern- und Konzertsänger in kleineren Rollen zu sehen, lange bevor er zu einem der wohl erfolgreichsten Tenöre unserer Zeit wurde. Daniel Prohaska und Jutta Speidel gehören heute zu den bekannten Gesichtern des Hauses und sind dort immer wieder zu Gast.
Auf der Bühne stand in den 1930er Jahren u.a. auch Magda Schneider, ihrer Meinung nach etwas unterbezahlt, für ihre fast 50 Auftritte pro Monat. Immerhin war sie die Mutter von Romy Schneider – und um hier den Kreis zu den Wittelsbachern wieder zu schließen: Romy wurde als Kaiserin Sissi zur wohl berühmtesten Wittelsbacherin, die eigentlich nie eine war.
Zum Team gehören ca. 600 festangestellte Mitarbeiter, etwa 50 Ensemblemitglieder, plus alle anderen vor und hinter der Bühne, die dazu beitragen, dass man einen schönen Abend im Theater verbringen darf. Dazu gehören neben den Bühnenbildnern genauso eine Schusterei und eine Näherei, wie auch die Verwaltung – es muss ja auch jemand Marketing machen und sich um Personalangelegenheiten kümmern. Letztendlich wie beim Film. Nur wechselt dieser täglich.

Das Gärtnerplatztheater ist ein Repertoiretheater, was heißt, dass über mehrere Jahre (oder sogar Jahrzehnte) die gleichen Stücke immer wieder zurück auf die Bühne kehren. Bühnenbilder werden über mehrere Jahrzehnte genutzt und Kostüme angepasst. In Europa vergleichbar mit der Wiener Volksoper, der Komischen Oper Berlin und der Dresdner Staatsoperette. Mit den Tickets muss man auch schnell sein, die Vorstellungen sind meistens komplett ausverkauft.
Ob nun das Ballett, das Orchester oder der Chor – alle haben ihren eigenen Proberaum. Nur die Darsteller sind von Anfang an auf der Bühne. Die Probezeit für ein Stück beträgt in etwa zwei Wochen und muss mit dem täglichen Live-Programm gut abgestimmt werden. Eine perfekte Logistik steckt hinter dem Ganzen.



Die rein physische Größe des Theaters wird einem auch erst wirklich bewusst, wenn man dort durch die Gänge geführt wird. Man nimmt von vorne immer nur den schönen und imposanten Eingang wahr, der den Gärtnerplatz prägt, aber das Theater zieht sich in Wirklichkeit physisch sehr in die Länge, entlang eines großen Teils der Klenze- und Reichenbachstraße.

Auf dem Giebel des Theaters findet man eine Figur der griechischen Muse Thalia, die als Beschützerin der Theaterkünste gilt. Man weiß über Thalia nur, dass sie vor 1869 dort angebracht wurde. Sie wacht also seit mehr als 150 Jahren über das Theater und hat dort schon viele Zuschauer ein- und ausgehen sehen.
Und hinter der schönen Fassade sind hunderte Menschen damit beschäftigt, unzählige Handgriffe zu erledigen, alte Bühnenbilder zu restaurieren, wunderbare Kostüme anzupassen und eine außergewöhnliche Inszenierung vorzubereiten – und davon sieht der Zuschauer nichts. Man sieht nur den Vorhang aufgehen und einen schönen Abend beginnen.

Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.
Johann Strauss II., Die Fledermaus
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